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Vortrag am 17. Januar

Dezember 30, 2013

Verschenkte Gelegenheiten
Buchvorstellung und Diskussion mit Magnus Klaue

In einer Welt, in der kritische Theorie nicht nur, wie von Beginn an, mit gesellschaftlicher Ohnmacht geschlagen ist, sondern zum objektiven Anachronismus, zur nur noch lästigen Erinnerung an Unabgegoltenes wurde, ist sie zur Parodie ihrer selbst heruntergekommen: Sei es, daß man sie durch mehr oder minder redliche akademische Pflege als immer noch bessere Alternative im Angebot der Denkstile konserviert; sei es, daß man sie als Statthalterin einer obskuren intellektuellen Radikalität und Militanz mißversteht, die in Wahrheit nur als Obsession ihrer Verfechter existiert; sei es, daß man sie als Kampfplatz um die jeweils neuesten geistigen Bekenntnisse und Distinktionen in den Dienst nimmt. Nur mehr von marginalen Splittergruppen und aggressiv oder tiefsinnig herumräsonierenden Lesekreisen ernst genommen, verliert sie gerade dadurch ihren Ernst und droht objektiv kryptisch, zu einer besonders elaborierten Form von Obskurantismus zu werden, so daß man, wie Clemens Nachtmann jüngst bemerkte, versucht ist, von der Lektüre Adornos abzuraten, weil Einfalt gegenüber dem Gegenstand offener ist als solches falsche Verstehen. Durch ihre Popularisierung oder vermeintliche Aktualisierung ist dem so wenig abzuhelfen wie durch die immer beliebtere sprachliche Übung, die eigene Sprache durch Nachstellung des sich und frankophone Einsprengsel gerade dann bedeutungsschwer zu adornisieren, wenn man dem Gehalt von Adornos und Horkheimers Denken längst abgeschworen hat. Demgegenüber sollte daran erinnert werden, wie kritische Theorie ihren Anfang nahm: weder als sogenannte kritische Gesellschaftstheorie (die vielmehr ihre Schrumpfform ist) noch als Anweisung auf irgendeine Praxis, sondern als freie, das heißt der Sache nicht nur verpflichtete, sondern sich ihr vorbehaltlos hingebende Reflexion der Erfahrung von Wirklichkeit: in Horkheimers Dämmerung, Adornos Minima Moralia, Benjamins Einbahnstraße und Berliner Kindheit um 1900 und den Feuilletons Siegfried Kracauers, mit sogenannten unsystematischen, gerade darin aber auf Verbindlichkeit zielenden, in ihrer Subjektivität das bloß Subjektive überschreitenden Texten also, denen die Untrennbarkeit von Sprach- und Denkform stets gegenwärtig blieb.

Magnus Klaues Vortrag und sein in Kürze erscheinendes Buch Verschenkte Gelegenheiten (ça ira Verlag) versuchen diesen Zusammenhang zu vergegenwärtigen und auf den Einzelnen zurückzuwenden. Denn nur im Einzelnen und nicht in Gruppen, die durch Bekenntnisse und gegenseitige Verachtung zusammengehalten werden, bleibt die Hoffnung bewahrt, dass der Erkenntnisgehalt kritischer Theorie irgendwann doch begriffen wird.

Magnus Klaue ist freier Autor und schreibt u.a. für Bahamas und Jungle World.

17.01.2014 Universität Jena, Hörsaal 7 // 19 Uhr

Vortrag am 13. Juni

Mai 12, 2013

Adolf Hitler, der unmittelbar allgemeine Deutsche
Über die barbarische Dialektik der Souveränität

In Deutschland wird Hitler als Gegenstand der Geschichtswissenschaft verdrängt, als verlorene Utopie betrauert oder als Bildungserlebnis staatstragender Demokraten gefeiert. Aber gerade als der tobende Teppichbeißer und manische Charismatiker, als den die Historiker ihn dem staunenden Publikum vorführen, ist Hitler doch allererst Anlaß zur Staatskritik, zur Reflektion auf das barbarische Potential der kapitalen Souveränität, die den nazistischen „Antisemitismus der Vernunft“ entband. Der Begriff des Nationalsozialismus ist demnach, wie ihn auch der Materialist Johann Georg Elser praktisch zu fassen suchte, in der Perspektive zu entwickeln, daß Hitler als Erscheinung des allgemeinen Deutschen, als der Souverän, hinter den Staatsapparaten hervortrat und als Person unmittelbar alles, was deutsch ist, verkörperte. Darin konvergieren die materialistische Kritik der politischen Ökonomie und gewisse Einsichten der Psychiatrie, denn eine barbarische Gesellschaft kann nur von einem Funktionär repräsentiert und ausagiert werden, der seiner psychischen Konstitution zufolge nichts anderes ist als eben: die negative Aufhebung des Subjekts im Individuum selbst, d.h.: ein Barbar sondergleichen. Liest man „Mein Kampf“ nicht nur als die ultimative Offenbarung aller in Deutschland definitiv nur möglichen Staatsphilosophie, sondern, was gar kein Widerspruch ist, zugleich als das Dokument einer psychischen Krankheit (wie es der Emmendinger Psychiater Wolfgang Treher in seinem fulminanten Buch Hitler, Steiner, Schreber. Gäste aus einer anderen Welt gezeigt hat) und, genauer, als das Protokoll einer seelischen Katastrophe, die das Ich, das internalisierte Subjekt, zerstört hat, und in Schizophrenie eskaliert, wird deutlich, was sich die Deutschen von heute mit der billigen, rationalistischen Deutung Hitlers als eines strategisch-ausgebufften, leider aber größenwahnsinnigen Machiavelli so vom Halse schaffen wollen, daß sie es für immer als ihr ursprüngliches Eigentum behalten können.

Vortrag und Diskussion mit Joachim Bruhn (ISF Freiburg).

Joachim Bruhn ist Co-Autor u.a. von Das Konzept Materialismus.

13.06.2013 Universität Jena, Hörsaal 7 // 19 Uhr

Vortrag am 7. Juni

Mai 12, 2013

Links trifft rechts
Zur Entstehung der faschistischen Ideologie

Okkupieren Nazis linke Inhalte? Werden sie dadurch wirklich verfremdet und entstellt? Aber selbst wenn ja, warum gelingt das überhaupt? Was prädestiniert denn eigentlich vorgeblich genuin „fortschrittliche“ Themenfelder wie den „Befreiungskampf der Völker“, die „soziale Verantwortung des Staates“ oder die „Globalisierung der Heuschrecken-Multis“ zum Gebrauch durch Nazis?

Es ist einfach so, dass Linke und Faschisten schon seit jeher nicht nur dieselben ideologischen Felder beackern, sondern dass der organisierte Faschismus der Arbeiterbewegung selbst entsprang. Als soziale Bewegung konstituierte er sich in Italien inmitten der Sozialistischen Partei, genauer auf ihrem radikalen aktivistisch-etatistischen Flügel (also frühen Globalisierungsgegnern, wenn man so will): Mussolini beispielsweise war Chef der Parteizeitung „Avanti“. In den deutschen Nationalsozialismus wiederum gehen die staatssozialistischen und antiimperialistischen Vorstellungen der so genannten »Konservativen Revolution« mit ein, die ebenso in der KPD Widerhall fanden. Der Widerwillen der antisemitischen Esoteriker an der Spitze der NSDAP galt so nicht dem Sozialismus oder gar dem Antikapitalismus – den teilten sie von ganzem Herzen –, sondern dem Marxismus, der ihnen als liberal und zersetzend galt. Darin wiederum waren sie sich nur allzu einig mit der sozialdemokratischen Ideologie, die ihren autoritären Staatskultus schon im späten Kaiserreich nur aus historischen Gründen noch ab und an mit dem Namen Marx garniert hatte.

Vortrag & Diskussion mit Uli Krug

Uli Krug ist Redakteur der Zeitschrift Bahamas.

07.06.2013 Universität Jena, Hörsaal 7 // 19 Uhr

Vortrag am 17. April

März 25, 2013

Terror, Wahn, Gesellschaft
NSU, der Staat und die Verwandlung der Gesellschaft in ein Irrenhaus

Als sich im November 2011 herausstellte, dass Neonazis über mehrere Jahre hinweg Mordanschläge in der Bundesrepublik verübt hatten, war die deutsche Öffentlichkeit „betroffen, empört, fassungslos“. Nach dem Bekanntwerden der NSU-Morde wurde über alles Mögliche gesprochen: ein Wiedererstarken der Neonaziszene, eine „Braune Armee Fraktion“, inkompetente Behörden, eine rassistische Gesellschaft sowie rechte Seilschaften bei Verfassungsschutz und Polizei. Nur eines wollte oder konnte niemand thematisieren: die Frage, inwieweit sowohl die Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ als auch die Kombination aus Inkompetenz und Impertinenz auf Behördenseite Ausdruck einer an sich selbst irre gewordenen Gesellschaft sind.

Aus Anlass des Prozessbeginns gegen Beate Zschäpe soll im Rahmen des Vortrags mit einigen Thesen versucht werden, über die reine Faktensammlung und die hektische Betriebsamkeit von Politik und Medien – von der Einrichtung einer Generaldatei „Rechts“ bis zu Diskussionen über ein neues NPD-Verbotsverfahren – hinauszukommen. Denn allem Veränderungsgestus zum Trotz dient dieser Aktionismus letztlich nur einem Zweck: besinnungslos weiter hantieren zu können wie bisher.

Das zeigen nicht zuletzt die Reaktionen in Jena, der Stadt, die den „Nationalsozialistischen Untergrund“ hervorgebracht hat. Die „Henker Jenas“, die in der Debatte auf den Zusammenhang von ostdeutschen Zuständen und dem Terror des NSU verwiesen, bekamen es mit Beißreflexen derer zu tun, die den Standort Jena als das eigentliche Opfer einer Medienkampagne erkennen wollten und das Engagement der Zivilgesellschaft gegen Rechts verunglimpft sahen. Andere hingegen traten die Flucht nach vorn an. So wussten Bewegungslinke den Jahrestag der Aufdeckung des NSU routiniert zur Identitätsstiftung zu nutzen und riefen zu einer Demonstration auf, die sich unter Missachtung jeder empirischen Realität gegen einen angeblichen rassistischen Konsens der gesamtdeutschen Mehrheitsgesellschaft richtete, als deren bloße Avantgarde die Terrorbande agiert habe. Darüber hinaus gab es seitens der parlamentarischen Linken die Empfehlung an die Landesregierung, die Antifa als den kompetenteren Verfassungsschutz anzuerkennen. In Zeiten der faktischen Erosion des Staates ist das nur konsequent: Das gesellschaftliche Unwesen soll zunehmend selbstverwaltet reproduziert werden.

Vortrag & Diskussion mit Vertretern der AG Antifa im Studierendenrat der MLU Halle.

17.04.2013 Universität Jena, Hörsaal 6 // 19 Uhr

Vortrag am 15. Februar

Januar 24, 2013

Outsourcing des Staates
Direkte Demokratie als permanente Mobilmachung

In dem die durch das Zusammenwirken von Staat und Sozialpartnern scheinbar prästabilisierte Einheit von Massenproduktion und Massenkonsum und damit der scheinbar immerwährend prosperierende deutsche „Volkskapitalismus“ in die Krise gerät, zerfällt die Gesellschaft und mit ihr der sie absichernde staatliche Souverän. Der Zerfall dieses – nach deutschen Maßstäben nicht „fordistischen“, sondern „Kraft-durch-Freude-Wagen-istischen“ – Vergesellschaftungsmodells bedeutet, daß das Staatsideal, für alle an jedem Ort gleiche Lebensverhältnisse zu garantieren, verabschiedet wird und die nivellierte Mittelstandsgesellschaft, deren Keimzelle Otto Normalvergaser mit Familienanhang war, sich erneut aufspaltet: sozial in Reiche, prekär und privilegiert Beschäftigte, Hartz IV-Empfänger und Arme; räumlich in prosperierende Regionen und Armutszonen, die wiederum quer durch Ost und West verlaufen. Und sowohl die Wohlstandsinseln als auch die Armutszonen ideologisieren sich bereitwillig als kulturelle Gemeinschaften und werden von lokalen oder regionalen Rackets nach ebensolchen Gesichtspunkten verwaltet und vermarktet. Solches Diffundieren der Souveränität ist Ausdruck dafür, daß der bundesdeutsche Staat nicht mehr unmittelbar als kollektiver Sozialfürsorger auftritt, sondern diese Aufgaben großzügig an gesellschaftliche Vorfeldorganisationen delegiert, in denen das Subjekt zu „eigenverantwortlicher“ moralischer Selbst- und Fremdkontrolle abgerichtet wird.

Der Vortrag wird anhand aktuellen Materials zeigen, daß die Ansätze zu „mehr Demokratie“ – oder schlimmer noch: „direkter Demokratie“ – nicht nur nichts Sympathisches oder gar Fortschrittliches an sich haben, sondern die zeitgemäße, flexibilisierte Variante von Racketherrschaft sind, deren innerstes und notwendiges Prinzip das der pathisch projektiven Feinderklärung sowie der allgemeinen Mobilmachung ist.

Vortrag und Diskussion mit Clemens Nachtmann

Clemens Nachtmann ist Komponist und Dozent für Musiktheorie an der Kunstuniversität Graz, außerdem Redakteur der Zeitschrift Bahamas und Mitherausgeber von „Kritik der Politik. Johannes Agnoli zum 75. Geburtstag“ (ça ira).

15.02.2013 Universität Jena, Hörsaal 7 // 19 Uhr

Vortrag am 23. Januar

Dezember 31, 2012

Marx, Adorno und die Kritik der Volkswirtschaftslehre
Vortrag & Diskussion mit Hans-Georg Backhaus

Sowohl die traditionellen Marxisten als auch die akademischen Marx-Kritiker haben den Untertitel des Marxschen Hauptwerkes – Kritik der politischen Ökonomie – ignoriert: Während sich die einen im gekonnten Überblättern von mystisch und okkult verschrienen Passagen üben, die nur etwas für Philosophen seien (Bebel), wurde von den anderen behauptet, der „alles andere als schlechte Ökonom“ und „Historiker“ Marx habe mit seinem Kapital die Volkswirtschaftslehre als „positive Wissenschaft“ um eine weitere Lehrmeinung bloß ergänzt.

Beiden Parteien blieb und bleibt so verborgen, was der Kritischen Theorie Adornos offenkundig ist: Dass die Kritik der politischen Ökonomie nämlich ein radikales und umfassendes Unterfangen ist, dem es darum geht, aus der Analyse solcher Kategorien wie Tausch und Warenform und deren immanenter Widersprüchlichkeit zur kritischen Darstellung des Kapitals als Gesamtprozess, d.h. als falsche und daher abzuschaffende gesellschaftliche Totalität, zu gelangen und schlussendlich darzutun, wie wenig der Begriff, den die bürgerliche Gesellschaft von sich selbst hegt, der Realität entspricht.

Der Vortrag wird jenes umfassende Unterfangen zum Gegenstand haben, von dem eingangs die Rede war.

Hans-Georg Backhaus, Mitbegründer der Neuen Marx-Lektüre, setzte sich schon zu Beginn der 1960er Jahre als Student bei Adorno intensiv mit der Marxschen Werttheorie auseinander. Seitdem hat er mehrere umfangreiche Aufsätze zur Marxschen Ökonomiekritik veröffentlicht, von denen die meisten in dem Band Dialektik der Wertform (ça ira Verlag) enthalten sind. In Kürze erscheint bei ça ira eine weitere Aufsatzsammlung unter dem Titel Marx, Adorno und die Kritik der Volkswirtschaftslehre.

23.01.2013 Universität Jena, Hörsaal 8 // 19.00 Uhr

Vortrag am 12. Dezember

Dezember 4, 2012

Die Vermittler der Vermittlung
Vortrag & Diskussion mit Magnus Klaue

Eigentlich gehört es zum Selbstverständnis “einer progressiven Linken”, die neuen Medien als potentiell kritisch oder gar revolutionär zu affirmieren. Jedenfalls legt eine lange Tradition der Theorien “emanzipatorischer Aneignung” der neuen Medien, von Brecht über Enzensberger bis zum angewandten Medienmanagement eines Norbert Bolz, dies nahe. Dass sich neuerdings wieder dezidierte Medienkritiker unter Linken zu Wort melden, ist dennoch kein Widerspruch. Denn auch sie distanzieren sich sofort vom vermeintlichen Kulturkonservatismus der Mediendefätisten Horkheimer und Adorno und praktizieren Kritik als das, was sie mittlerweile fast nur noch ist: als pädagogische Rezipientenberatung, mithin als Einschwörung des Publikums auf die zur Totalität gewordene Sphäre falscher Vermittlung.

Magnus Klaue arbeitet im Dossierressort und Lektorat der Jungle World und schreibt außerdem u.a. für Bahamas und konkret.

12.12.2012 Universität Jena, Hörsaal 7 // 19.30 Uhr

Wir möchten zudem auf einen weiteren Vortrag von Magnus am folgenden Tag aufmerksam machen, der im Rahmen der Veranstaltungsreihe Erinnern, Vergessen, Verdrängen. stattfindet: “Bürgerliche Kälte – Zur Aporie historischen Eingedenkens in der Kritischen Theorie”. Weitere Informationen dazu finden sich unter dem angegebenen Link.

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