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Vortrag am 13. Juni

Mai 12, 2013

Adolf Hitler, der unmittelbar allgemeine Deutsche
Über die barbarische Dialektik der Souveränität

In Deutschland wird Hitler als Gegenstand der Geschichtswissenschaft verdrängt, als verlorene Utopie betrauert oder als Bildungserlebnis staatstragender Demokraten gefeiert. Aber gerade als der tobende Teppichbeißer und manische Charismatiker, als den die Historiker ihn dem staunenden Publikum vorführen, ist Hitler doch allererst Anlaß zur Staatskritik, zur Reflektion auf das barbarische Potential der kapitalen Souveränität, die den nazistischen „Antisemitismus der Vernunft“ entband. Der Begriff des Nationalsozialismus ist demnach, wie ihn auch der Materialist Johann Georg Elser praktisch zu fassen suchte, in der Perspektive zu entwickeln, daß Hitler als Erscheinung des allgemeinen Deutschen, als der Souverän, hinter den Staatsapparaten hervortrat und als Person unmittelbar alles, was deutsch ist, verkörperte. Darin konvergieren die materialistische Kritik der politischen Ökonomie und gewisse Einsichten der Psychiatrie, denn eine barbarische Gesellschaft kann nur von einem Funktionär repräsentiert und ausagiert werden, der seiner psychischen Konstitution zufolge nichts anderes ist als eben: die negative Aufhebung des Subjekts im Individuum selbst, d.h.: ein Barbar sondergleichen. Liest man „Mein Kampf“ nicht nur als die ultimative Offenbarung aller in Deutschland definitiv nur möglichen Staatsphilosophie, sondern, was gar kein Widerspruch ist, zugleich als das Dokument einer psychischen Krankheit (wie es der Emmendinger Psychiater Wolfgang Treher in seinem fulminanten Buch „Hitler, Steiner, Schreber. Gäste aus einer anderen Welt“ gezeigt hat) und, genauer, als das Protokoll einer seelischen Katastrophe, die das Ich, das internalisierte Subjekt, zerstört hat, und in Schizophrenie eskaliert, wird deutlich, was sich die Deutschen von heute mit der billigen, rationalistischen Deutung Hitlers als eines strategisch-ausgebufften, leider aber größenwahnsinnigen Machiavelli so vom Halse schaffen wollen, daß sie es für immer als ihr ursprüngliches Eigentum behalten können.

 Vortrag und Diskussion mit Joachim Bruhn.

 Joachim Bruhn  ist Co-Autor u.a. von Initiative Sozialistisches Forum „Das Konzept Materialismus“ (Freiburg 2009).

13.06.2013 Universität Jena, Hörsaal 7 // 19 Uhr

Vortrag am 7. Juni

Mai 12, 2013

Links trifft rechts
Zur Entstehung der faschistischen Ideologie

Okkupieren Nazis linke Inhalte? Werden sie dadurch wirklich verfremdet und entstellt? Aber selbst wenn ja, warum gelingt das überhaupt? Was prädestiniert denn eigentlich vorgeblich genuin „fortschrittliche“ Themenfelder wie den „Befreiungskampf der Völker“, die „soziale Verantwortung des Staates“ oder die „Globalisierung der Heuschrecken-Multis“ zum Gebrauch durch Nazis?
Es ist einfach so, dass Linke und Faschisten schon seit jeher nicht nur dieselben ideologischen Felder beackern, sondern dass der organisierte Faschismus der Arbeiterbewegung selbst entsprang. Als soziale Bewegung konstituierte er sich in Italien inmitten der Sozialistischen Partei, genauer auf ihrem radikalen aktivistisch-etatistischen Flügel (also frühen Globalisierungsgegnern, wenn man so will): Mussolini beispielsweise war Chef der Parteizeitung „Avanti“. In den deutschen Nationalsozialismus wiederum gehen die staatssozialistischen und antiimperialistischen Vorstellungen der so genannten »Konservativen Revolution« mit ein, die ebenso in der KPD Widerhall fanden. Der Widerwillen der antisemitischen Esoteriker an der Spitze der NSDAP galt so nicht dem Sozialismus oder gar dem Antikapitalismus – den teilten sie von ganzem Herzen –, sondern dem Marxismus, der ihnen als liberal und zersetzend galt. Darin wiederum waren sie sich nur allzu einig mit der sozialdemokratischen Ideologie, die ihren autoritären Staatskultus schon im späten Kaiserreich nur aus historischen Gründen noch ab und an mit dem Namen Marx garniert hatte.

Vortrag & Diskussion mit Uli Krug

Uli Krug ist Redakteur der Zeitschrift Bahamas.

07.06.2013 Universität Jena, Hörsaal 7 // 19 Uhr

Vortrag am 17. April

März 25, 2013

Terror, Wahn, Gesellschaft
NSU, der Staat und die Verwandlung der Gesellschaft in ein Irrenhaus

Als sich im November 2011 herausstellte, dass Neonazis über mehrere Jahre hinweg Mordanschläge in der Bundesrepublik verübt hatten, war die deutsche Öffentlichkeit „betroffen, empört, fassungslos“. Nach dem Bekanntwerden der NSU-Morde wurde über alles Mögliche gesprochen: ein Wiedererstarken der Neonaziszene, eine „Braune Armee Fraktion“, inkompetente Behörden, eine rassistische Gesellschaft sowie rechte Seilschaften bei Verfassungsschutz und Polizei. Nur eines wollte oder konnte niemand thematisieren: die Frage, inwieweit sowohl die Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ als auch die Kombination aus Inkompetenz und Impertinenz auf Behördenseite Ausdruck einer an sich selbst irre gewordenen Gesellschaft sind.

Aus Anlass des Prozessbeginns gegen Beate Zschäpe soll im Rahmen des Vortrags mit einigen Thesen versucht werden, über die reine Faktensammlung und die hektische Betriebsamkeit von Politik und Medien – von der Einrichtung einer Generaldatei „Rechts“ bis zu Diskussionen über ein neues NPD-Verbotsverfahren – hinauszukommen. Denn allem Veränderungsgestus zum Trotz dient dieser Aktionismus letztlich nur einem Zweck: besinnungslos weiter hantieren zu können wie bisher.

Das zeigen nicht zuletzt die Reaktionen in Jena, der Stadt, die den „Nationalsozialistischen Untergrund“ hervorgebracht hat. Die „Henker Jenas“, die in der Debatte auf den Zusammenhang von ostdeutschen Zuständen und dem Terror des NSU verwiesen, bekamen es mit Beißreflexen derer zu tun, die den Standort Jena als das eigentliche Opfer einer Medienkampagne erkennen wollten und das Engagement der Zivilgesellschaft gegen Rechts verunglimpft sahen. Andere hingegen traten die Flucht nach vorn an. So wussten Bewegungslinke den Jahrestag der Aufdeckung des NSU routiniert zur Identitätsstiftung zu nutzen und riefen zu einer Demonstration auf, die sich unter Missachtung jeder empirischen Realität gegen einen angeblichen rassistischen Konsens der gesamtdeutschen Mehrheitsgesellschaft richtete, als deren bloße Avantgarde die Terrorbande agiert habe. Darüber hinaus gab es seitens der parlamentarischen Linken die Empfehlung an die Landesregierung, die Antifa als den kompetenteren Verfassungsschutz anzuerkennen. In Zeiten der faktischen Erosion des Staates ist das nur konsequent: Das gesellschaftliche Unwesen soll zunehmend selbstverwaltet reproduziert werden.

Vortrag & Diskussion mit Vertretern der AG Antifa im Studierendenrat der MLU Halle.

17.04.2013 Universität Jena, Hörsaal 6 // 19 Uhr

Vortrag am 15. Februar

Januar 24, 2013

Outsourcing des Staates
Direkte Demokratie als permanente Mobilmachung

In dem die durch das Zusammenwirken von Staat und Sozialpartnern scheinbar prästabilisierte Einheit von Massenproduktion und Massenkonsum und damit der scheinbar immerwährend prosperierende deutsche „Volkskapitalismus“ in die Krise gerät, zerfällt die Gesellschaft und mit ihr der sie absichernde staatliche Souverän. Der Zerfall dieses – nach deutschen Maßstäben nicht „fordistischen“, sondern „Kraft-durch-Freude-Wagen-istischen“ – Vergesellschaftungsmodells bedeutet, daß das Staatsideal, für alle an jedem Ort gleiche Lebensverhältnisse zu garantieren, verabschiedet wird und die nivellierte Mittelstandsgesellschaft, deren Keimzelle Otto Normalvergaser mit Familienanhang war, sich erneut aufspaltet: sozial in Reiche, prekär und privilegiert Beschäftigte, Hartz IV-Empfänger und Arme; räumlich in prosperierende Regionen und Armutszonen, die wiederum quer durch Ost und West verlaufen. Und sowohl die Wohlstandsinseln als auch die Armutszonen ideologisieren sich bereitwillig als kulturelle Gemeinschaften und werden von lokalen oder regionalen Rackets nach ebensolchen Gesichtspunkten verwaltet und vermarktet. Solches Diffundieren der Souveränität ist Ausdruck dafür, daß der bundesdeutsche Staat nicht mehr unmittelbar als kollektiver Sozialfürsorger auftritt, sondern diese Aufgaben großzügig an gesellschaftliche Vorfeldorganisationen delegiert, in denen das Subjekt zu „eigenverantwortlicher“ moralischer Selbst- und Fremdkontrolle abgerichtet wird.

Der Vortrag wird anhand aktuellen Materials zeigen, daß die Ansätze zu „mehr Demokratie“ – oder schlimmer noch: „direkter Demokratie“ – nicht nur nichts Sympathisches oder gar Fortschrittliches an sich haben, sondern die zeitgemäße, flexibilisierte Variante von Racketherrschaft sind, deren innerstes und notwendiges Prinzip das der pathisch projektiven Feinderklärung sowie der allgemeinen Mobilmachung ist.

Vortrag und Diskussion mit Clemens Nachtmann

Clemens Nachtmann ist Komponist und Dozent für Musiktheorie an der Kunstuniversität Graz, außerdem Redakteur der Zeitschrift Bahamas und Mitherausgeber von „Kritik der Politik. Johannes Agnoli zum 75. Geburtstag“ (ça ira).

15.02.2013 Universität Jena, Hörsaal 7 // 19 Uhr

Vortrag am 23. Januar

Dezember 31, 2012

Marx, Adorno und die Kritik der Volkswirtschaftslehre
Vortrag & Diskussion mit Hans-Georg Backhaus

Sowohl die traditionellen Marxisten als auch die akademischen Marx-Kritiker haben den Untertitel des Marxschen Hauptwerkes – Kritik der politischen Ökonomie – ignoriert: Während sich die einen im gekonnten Überblättern von mystisch und okkult verschrienen Passagen üben, die nur etwas für Philosophen seien (Bebel), wurde von den anderen behauptet, der „alles andere als schlechte Ökonom“ und „Historiker“ Marx habe mit seinem Kapital die Volkswirtschaftslehre als „positive Wissenschaft“ um eine weitere Lehrmeinung bloß ergänzt.

Beiden Parteien blieb und bleibt so verborgen, was der Kritischen Theorie Adornos offenkundig ist: Dass die Kritik der politischen Ökonomie nämlich ein radikales und umfassendes Unterfangen ist, dem es darum geht, aus der Analyse solcher Kategorien wie Tausch und Warenform und deren immanenter Widersprüchlichkeit zur kritischen Darstellung des Kapitals als Gesamtprozess, d.h. als falsche und daher abzuschaffende gesellschaftliche Totalität, zu gelangen und schlussendlich darzutun, wie wenig der Begriff, den die bürgerliche Gesellschaft von sich selbst hegt, der Realität entspricht.

Der Vortrag wird jenes umfassende Unterfangen zum Gegenstand haben, von dem eingangs die Rede war.

Hans-Georg Backhaus, Mitbegründer der Neuen Marx-Lektüre, setzte sich schon zu Beginn der 1960er Jahre als Student bei Adorno intensiv mit der Marxschen Werttheorie auseinander. Seitdem hat er mehrere umfangreiche Aufsätze zur Marxschen Ökonomiekritik veröffentlicht, von denen die meisten in dem Band Dialektik der Wertform (ça ira Verlag) enthalten sind. In Kürze erscheint bei ça ira eine weitere Aufsatzsammlung unter dem Titel Marx, Adorno und die Kritik der Volkswirtschaftslehre.

23.01.2013 Universität Jena, Hörsaal 8 // 19.00 Uhr

Vortrag am 12. Dezember

Dezember 4, 2012

Die Vermittler der Vermittlung
Vortrag & Diskussion mit Magnus Klaue

Eigentlich gehört es zum Selbstverständnis “einer progressiven Linken”, die neuen Medien als potentiell kritisch oder gar revolutionär zu affirmieren. Jedenfalls legt eine lange Tradition der Theorien “emanzipatorischer Aneignung” der neuen Medien, von Brecht über Enzensberger bis zum angewandten Medienmanagement eines Norbert Bolz, dies nahe. Dass sich neuerdings wieder dezidierte Medienkritiker unter Linken zu Wort melden, ist dennoch kein Widerspruch. Denn auch sie distanzieren sich sofort vom vermeintlichen Kulturkonservatismus der Mediendefätisten Horkheimer und Adorno und praktizieren Kritik als das, was sie mittlerweile fast nur noch ist: als pädagogische Rezipientenberatung, mithin als Einschwörung des Publikums auf die zur Totalität gewordene Sphäre falscher Vermittlung.

Magnus Klaue arbeitet im Dossierressort und Lektorat der Jungle World und schreibt außerdem u.a. für Bahamas und konkret.

12.12.2012 Universität Jena, Hörsaal 7 // 19.30 Uhr

Wir möchten zudem auf einen weiteren Vortrag von Magnus am folgenden Tag aufmerksam machen, der im Rahmen der Veranstaltungsreihe Erinnern, Vergessen, Verdrängen. stattfindet: “Bürgerliche Kälte – Zur Aporie historischen Eingedenkens in der Kritischen Theorie”. Weitere Informationen dazu finden sich unter dem angegebenen Link.

Flugblatt zur Demonstration in Jena am 4. November 2012

November 4, 2012

Zum Jahrestag der Aufdeckung der Nazimörderbande NSU rief der linke Flügel der Jenaer Zivilgesellschaft zu einer Demonstration mit dem besonders geistreichen Titel “Highlights, von denen keiner wissen wollte!” auf.  Wir hielten es für angemessen, dem völlig abgeschmackten Aufruf der linken Wutbürger mit einem Flugblatt zu begegnen.

THE GREAT ANTIFA SWINDLE
Whatever you are, be Antifa!

Werte Demonstrantinnen und Demonstranten, da die Meisten von Ihnen die 90er Jahre nicht bei klarem politischen Bewusstsein erlebt haben dürften, müssen sich die ATF und die linke Gruppe JURI Folgendes gedacht haben: „Wenn wir schon nicht leibhaftig in diesem heroischen Antifa-Zeitalter dabei sein konnten“, als gegen ein vermeintlich drohendes Viertes Reich demonstriert wurde, „dann holen wir uns diese Jahre einfach in die Gegenwart zurück und schreiben einen dazugehörigen Aufruf, der den revolutionären Gestus dieser Tage“, als man noch nicht Teil der Staatsantifa war, „wieder zum Leben erweckt.“ Heraus gekommen ist ein Patchwork aller Papiere dieser Zeit und – worauf an anderer Stelle ausführlicher einzugehen wäre – ein sprachliches wie logisches Verbrechen.

Sie wurden heute zu dieser Demonstration u.a. mit der Frage gelockt, ob „es zu einem gesellschaftlichen Wandel kommen (soll), damit solche (der NSU, die Verf.) und andere Neonazis (sich) nicht mehr … auf die stillschweigende Unterstützung der deutschen Mehrheitsgesellschaft stützen können“, die sich durch einen „rassistischen und nationalistischen Konsens“ auszeichne. Man fragt sich: Soll man den Aufrufenden und Unterstützern dieses Papier einfach nur um die Ohren hauen? Wer mit halbwegs offenen Augen die Entwicklung Deutschlands in der Vergangenheit kritisch beobachtet hat, dem dürfte nicht entgangen sein, dass dieser Wandel seit mindestens 12 Jahren, nämlich mit dem Beginn des „Aufstandes der Anständigen“, im Gange ist. Doch was kümmert Überzeugungstäter die Realität, wenn sie aus der dauerbetroffenen Empörung den psychischen Mehrwert der Identitätsstiftung einstreichen können und wenn die verwendeten Begriffe – in dem Falle der Rassismus – schon lange nichts mehr mit der zu kritisierenden Sache zu tun haben, mit Gesinnungskitsch dafür aber um so mehr.

Wer im Deutschland des Jahres 2012 der Mehrheitsgesellschaft einen rassistischen und nationalistischen Konsens nachsagt, den muss man als Lügner denunzieren. Vielmehr ist es doch so, dass das ehemals marginalisierte linksliberale Betroffenheitsmilieu, das vor Ökokrisen, dem Vierten Reich, Geschichtsrevisionismus usw. usf. warnte, mittlerweile nicht nur die Institutionen durchwandert hat, sondern dass dessen Denkmuster zur offiziellen Staatsräson des „anderen Deutschland“ wurden. Nichts von dem, was die Nie-Wieder-Deutschland-Kampagne antrieb, ist eingetreten. Stattdessen gehören der Antiimperialismus gegen die USA und Israel, die Friedenssehnsucht, Mülltrennung, Gesundheits- und Ökowahn zum guten Ton jedes aufrechten Staatsbürgers – und seit dem Sommer 2000 auch der Antirassismus und die Bekämpfung der Nazis, die seither als anachronistischer Störenfried der demokratisierten Volksgemeinschaft gelten.

Aus den Minderheitenmarotten von zottelbärtigen Bedenkenträgern, die sich beständig verfolgt und unterdrückt wähnten, wurde ein Massenbedürfnis von zunächst skeptischen Wutbürgern, die dann um so heftiger in Aktion treten, sobald ihre Stunde geschlagen hat (ein Beispiel hierfür wäre Stuttgart 21). Zum wiederholten Male erwies sich die Linke damit als Avantgarde für Deutschland und für eine Barbarisierung der Gesellschaft, in deren Folge formal-rechtsstaatliche Vermittlungen in Auflösung begriffen sind: zu Gunsten unmittelbarer Unmutsäußerungen und direkter Aktionen eines Sozialcharakters, der sich zur Verfolgung berechtigt sieht.

Abgesehen von jenen Regionen Ostdeutschlands, in denen die autochthonen Bewohner unter sich geblieben sind und eine Kameradschaft namens Die Linke Volkspartei und Stichwortgeberin ist, die man sich beständig ins Unterstützerboot holt, gibt es heute in Deutschland schlichtweg keinen mörderischen Rassismus und keinen bornierten Nationalchauvinismus als Massenphänomene,sehr wohl aber eine Staatsräson, die sich auf das Gedenken an Auschwitz und einen expliziten Antirassismus der erdrückenden Bevölkerungsmehrheit stützt. Dieser Antirassismus ist gekennzeichnet durch die bedingungslose Offenheit und den Respekt für „die Anderen“ als Kollektivsubjekt und deren, seien es auch noch so barbarische, Marotten und Praktiken, was selbstverständlich einschließt, eine Kritik daran als „eurozentristische“ oder gar „imperialistische“ Anmaßung zu brandmarken. Bei näherer Betrachtung besteht daher kein Grund zur Entwarnung, denn „je antirassistischer und weltoffener sich die Deutschen aufführen, desto mehr ähneln sie wieder einer gegen ihre Todfeinde verschworenen Horde, die nicht mehr auf Exklusivität pocht, sondern die Anforderungen zum Mitmachen wieder flexibilisiert hat und sich ihr Jagdrevier mit anderen teilt, sofern sie sich bewähren“ (Clemens Nachtmann) – nur hat das alles nichts mit jenem Rassismus zu tun, der von ATF und JURI unterstellt wird.

Von Rassismus lässt sich erst dann sinnvollerweise sprechen, wenn von unveräußerlichen körperlichen Merkmalen (z.B. der Hautfarbe) auf fixe und vererbbare Eigenschaften wie Intelligenz, Charakter oder aber Verwertbarkeit geschlossen und einer Gruppe ein kollektives Wesensmerkmal unterstellt wird. Anders als es die Rede vom rassistischen Konsens suggeriert, gibt es in Deutschland allerdings keine gesellschaftlich relevante Bewegung, die Menschen daraufhin sortiert, diskriminiert oder gar ermordet. Im Gegenteil: rassistisches Denken und die verbliebenen Rassisten, die es zweifelsohne gibt, sind gesellschaftlich geächtet. Das spiegelt sich im Handeln des NSU wider. Dieser konnte sich in seinem mörderischen Wahn eben keiner breiten Unterstützung sicher sein und rief daher nicht offen zum Pogrom auf, sondern mordete aus dem Untergrund heraus.

Was von linksdeutschen Moralisten Rassismus genannt wird, ist vor allem eines: ordinärer Fremdenhass. Dieser speist sich zwar ebenso wie der verdrängte Rassismus  aus der Furcht des bürgerlichen Subjekts vor der permanenten Gefahr des Scheiterns der Selbstverwertung, so dass es beständig unter der Beweislast steht, sich als staatsloyaler und verwertbarer Arbeitskraftbehälter zu erweisen. Seiner potentiellen Überflüssigkeit bewusst, verachtet der Staatsbürger den „Fremden“ jedoch nicht, weil dieser  qua Geburt zur Verwertung nicht tauglich sei, sondern im Gegenteil: er fürchtet ihn als ebenbürtigen Konkurrenten. Selbst der immer wieder ins Feld geführte gewaltsame und in der Tat widerliche Umgang staatlicher Behörden mit Flüchtlingen ist, so brutal das auch klingen mag, kein subjektiv-böswilliger rassistischer Akt, sondern die konsequente Umsetzung der objektiven Funktion des Staates als „Staat des Kapitals“ (Agnoli). Aus dieser Perspektive kann der Staat gar nicht als karitative Wohlfahrtsagentur für die weltweiten verelendeten Massen fungieren, sondern er hat eine gelingende Akkumulation seines Kapitals als gesellschaftliches Verhältnis zu sichern. Das bedeutet eben auch, die knapper werdenden Ressourcen zunächst der eigenen – selbst zunehmend überschüssigen – industriellen Reservearmee zuzugestehen, was nicht ausschließt, ausländischen Fachkräften den Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Wenn Sie also aus Mangel an einem rassistischen Konsens jetzt nicht doch nach Hause gehen wollen, dann hat es wohl den Grund, dass Sie ähnlich wie die Aufrufenden der Meinung sind, der deutsche Laden liefe besser, wenn nur die richtigen Leute von JURI und der ATF am Ruder wären. Beide Gruppen haben sich durch ihre Forderungen zu der Perspektive bekannt, die eine Unterstützerin der heutigen Demonstration, Katharina König, in der Jungle World unfreiwillig sogar zu Recht ins Spiel brachte: die Antifa als beratende NGO der Landesregierung und als quasi unverdächtiger Verfassungsschutz – zu mehr hat sich dieser Interessenverband trotz aller Verbalradikalität auch nie qualifiziert. Bis zur endgültigen Verschmelzung von Staat und Antifa müssen jedoch die letzten Hürden für den wütenden Volksmob beseitigt werden. Was sich derzeit noch in solchen Gassenhauern wie der Forderung nach „absoluter Transparenz“ recht kleinlaut gibt, offenbart in dem Wunsch nach „Konsequenzen für alle Verantwortungsträger“ bereits jenen barbarischen Charakter verfolgungswütiger Direktdemokraten, von dem bereits die Rede war und der bis auf die Knochen deutsch ist.

Jena, 4. November 2012

Association Pomme de Terre

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