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Tagesseminar Psychoanalyse

August 31, 2014

Wir werden gelebt
Über das Verhältnis der Freudschen Trieblehre zur materialistischen Gesellschaftskritik

Die Psychoanalyse Freuds seziert den seelischen Haushalt des Individuums in der spätkapitalistischen Gesellschaft: “Wir sind nicht Herr im eigenen Hause.” Zugleich wird jedoch der Regression des Individuums zum Massenwesen die Reflexion entgegengehalten: “Wo ES war soll ICH werden, ist also der Leitspruch der Psychoanalyse.” Die Menschen wähnen sich frei, sind aber in ihrem Denken, Handeln und Wünschen von unbewußten Impulsen bestimmt. Diese Determination wird in der Trieblehre ihrerseits naturalisiert, was sich insbesondere an der Lehre vom Todestrieb zeigt. Daher wird Freud häufig vorgeworfen, den Menschen auf ein reines Triebwesen zu reduzieren: Er habe “die Gesellschaft” vergessen, seine Lehre sei daher soziologisch zu ergänzen – ein Vorwurf der jedoch am Begriff des Triebes, der nicht als biologischer Instinkt, sondern als geschichtsphilosophische Konzeption zu interpretieren ist, völlig vorbeigeht. Und auch die Einwände der sog. empirischen Psychologie verfehlen den Kern der Freudschen Lehre. Denn gerade an seiner Trieblehre läßt sich verdeutlichen, daß Freud das Individuum als zugleich natürliches und gesellschaftliches Wesen kennzeichnet, als ein Wesen, daß gerade dort, wo es gesellschaftlich ist, natürlich, und wo es natürlich ist, gesellschaftlich agiert. Die Behauptung, daß der Mensch nicht biologisch, sondern gesellschaftlich bestimmt sei, kommt soziologisch denkenden Menschen (namentlich “Linken”), allzuleicht über die Lippen. Sie verkennen, daß er als gesellschaftliches vielmehr ein ungesellschaftliches und als natürliches gerade ein unnatürliches Wesen ist. Den Begriff des Triebes aus Freuds Lehre zu eliminieren, bedeutet, seine Lehre ihrer gesellschaftskritischen Intention, damit ihrer Wahrheit zu berauben.

Tagesseminar mit Martin Dornis (Leipzig), Autor u.a. von Der Meister aus Deutschland – Zur Kritik der Ideologie des Todes, in: Gruber/Lenhard (Hg.): Gegenaufklärung – Der postmoderne Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft.

Das Seminar findet am Samstag, den 27.09.2014 in Jena statt. Beginn: 12 Uhr.

Nähere Informationen zum Veranstaltungsort sowie den Link zum Seminar-Reader erhaltet ihr nach Anmeldung bis zum 20.09. unter apdtjena@yahoo.de.

Flugblatt zum Gaza-Gedenken

Juli 31, 2014

Am 30. Juli luden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Lehrstuhls für Sozialpsychologie an der FSU Jenaer Studenten und Bürger zum “gemeinsamen Gedenken der Toten in der Gaza-Region” ein. Unter dem Motto “Wir können das Töten von Jena aus nicht beenden” wurden Kerzen angezündet und “Beileidsbekundungen in Form von Briefen, Karten oder Blumen” getauscht.

Die Ankündigung und ein Zeitungsinterview zeigten, was die zivilgesellschaftlichen Jung- und Altwissenschaftler umtreibt: eine abstrakte Friedenssehnsucht, die sich in falscher Äquidistanz übt und bereits einen oberflächlichen Vergleich der Parteien scheut. Die dabei bemühte hochnotpeinliche Versöhnungsrhetorik missachtet ihre konkrete Implikation – nämlich, dass Israel mit seinen Todfeinden über die Bedingungen der eigenen Abschaffung verhandelt. Die APDT kam nicht umhin, diesem Treiben mit einem Flugblatt zu begegnen.

Vor Ort konnten wir uns dann davon überzeugen, dass den studierten Sozialpsychologen jeder kritische Begriff von der eigenen Wissenschaft abhanden gekommen und ihr Engagement somit längst zur Therapie in Permanenz für alle Beteiligten geworden ist.

SIE KÖNNEN DAS TÖTEN STOPPEN!

Sie sind heute Abend der Einladung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Lehrstuhls für Sozialpsychologie der Universität Jena gefolgt, um sich genau wie die Einladenden darüber zu versichern, dass Sie “das Töten von Jena aus nicht beenden” können und dass die Frage im Raum steht, welchen Einfluss man als ohnmächtiger Jenaer Freund der Zivilgesellschaft auf der großen Bühne des Weltgeschehens im Nahen Osten hat. Diese Frage ist glücklicherweise dergestalt entschieden, dass Sie ihre pazifistischen Ressentiments nur auf Jenas Straßen austoben und dies keine Auswirkungen auf die Verteidigungsfähigkeit Israels hat.

Doch wir setzen voller Optimismus auf ihre Lernfähigkeit, und die scheinbar verzwickten Dinge liegen oftmals einfacher, als Sie denken. Wir wollen uns also nicht weiter mit der müßigen Frage aufhalten, warum Sie für über 150.000 Tote in Syrien keinen Gedenkabend veranstalten, wieso die tausenden von dschihadistischen Mörderbanden im Irak, in Nigeria und in Somalia Abgeschlachteten für Sie höchstens eine Randbemerkung darstellen, wieso die ungezählten im Mittelmeer ersoffenen Flüchtlinge Ihnen keine Kerze der Betroffenheit entlocken. Stattdessen wollen wir Ihnen ein paar konstruktive Vorschläge mit auf den Weg geben.

Ein erster Schritt wäre, dass Sie ihre Friedenssehnsucht zu den Akten legen und sich der Gewissheit entledigen, wonach Israels bewaffnete Selbstverteidigung gegen die Vernichtungswünsche und -taten seiner vom Antisemitismus getriebenen Feinde die größte Gefahr für den Weltfrieden sei. Setzen Sie sich dafür ein, dass die Hamas, die die palästinensische Bevölkerung in Geiselhaft nimmt, zerschlagen wird – und nicht etwa für eine Waffenruhe, die den Terrorbanden lediglich zur Auffüllung ihrer Waffenlager dient! Erheben Sie ihre Stimme, damit Fördergelder der EU nicht dafür verwendet werden, dass in palästinensischen Schulbüchern zur Vernichtung des jüdischen Staates aufgerufen wird!

Nehmen Sie den Slogan “think global, act local” einfach Ernst und richten Sie ihr Augenmerk auf den Oberbürgermeister Albrecht Schröter, der Ihnen als antifaschistischer Leithammel gegen Rechtsextremismus bestens bekannt sein dürfte. Durchbrechen Sie ihre Denkblockade und besetzen Sie zahlreich Wahllokale, Straßen und Plätze, um zu verhindern, dass dieser “Entscheidungsträger”, der sich an einer Konferenz beteiligte, die Fatah und Hamas als “Partner für den Frieden” zurecht log und der unter Verweis auf antizionistische Alibijuden zum Boykott israelischer Waren aufruft, zur nächsten Wahl wieder als Sieger vom Platz geht! Das wäre ihr ganz persönlicher Beitrag dazu, pazifistische Fürsprecher der palästinensischen Sache, die der Fatah nach die “vollständige Befreiung von Palästina und die Ausrottung der zionistischen wirtschaftlichen, politischen, militärischen und kulturellen Existenz” zum Gegenstand hat, aus dem politischen Verkehr zu ziehen.

So lange es auf Seiten der Palästinenser keine ernstzunehmenden politischen Kräfte gibt, die sich diesem offen propagierten Vernichtungsprogramm widersetzen, so lange bedeutet jede Verhandlungsaufforderung an Israel, jeder Ruf nach Frieden also, die mehr oder weniger offene Kollaboration mit dem antisemitischen Terror, der wiederum all die Toten, derer Sie heute gedenken, zu verantworten hat.

Sollten Sie den Wunsch verspüren, einen ganz persönlichen Beitrag dafür zu leisten, dass in Gaza und den Autonomiegebieten andere wünschenswerte Perspektiven für Kinder und Jugendliche als die des Berufspalästinensers denkbar werden, was eine Zerschlagung der antisemitischen Terrorbanden zur Voraussetzung hätte, so geben Sie all Ihre Ersparnisse den israelischen Streitkräften.

Association Pomme de Terre / Jena, 30. Juli 2014

Vortrag am 25. Juni

Mai 29, 2014

Darum negative Dialektik
Die Entfaltung des Existenzialurteils als Aufhebung von Positivismus und Metaphysik

Die kritische Theorie hat bei aller Einsichtigkeit der einzelnen Schritte und der Übereinstimmung ihrer Elemente mit den fortgeschrittensten traditionellen Theorien keine spezifische Instanz für sich als das mit ihr selbst verknüpfte Interesse an der Aufhebung des gesellschaftlichen Unrechts. Diese negative Formulierung ist, auf einen abstrakten Ausdruck gebracht, der materialistische Inhalt des idealistischen Begriffs der Vernunft. (Max Horkheimer)

Wenn Kritische Theorie gleichermaßen gegen den ideologischen Betrieb postbürgerlicher Wissenschaft und jedwede subjektiv-willkürliche bzw. dezisionistische Standpunktphilosophie oder Weltanschauung, zu der leninistische, existentialistische, poststrukturalistische und positivistische Marxisten sich bekennen mögen, darauf beharren kann, die fortgeschrittenste Gestalt des Denkens in der Gegenwart (Horkheimer) zu sein, dann weil Bestimmung und Entfaltung des Existenzialurteils eben einer objektiven Nötigung folgen. Noch die dabei unabdingbar in Rechnung zu stellende Vermitteltheit fortschreitender Vernunft als Aufklärung über die Aufklärung durch Nicht-Diskursives wie Geschichte und leibliche Impulse konfrontiert ratio nicht mit ihrem Gegenteil, gänzlich Anderen oder ihr rein Äußerlichen, ist sie schließlich selbst historisch entstandene Funktion der Selbsterhaltungstriebe: Abwehrinstrument gegen (Natur-) Gewalt. Darum durchdringen sich in den Begriffen und Wendungen negativer Dialektik (wie Nichtidentisches, Vorrang des Objekts, Nichtbegriffliches und Totalität sowie Einheit des Vielen ohne Zwang, Versöhnung und Abschaffung des Todes) erkenntnistheoretische und utopische, rationale und leibliche Momente unzertrennlich, und zwar ohne, dass ihnen – wie von positivistischen Gegnern jeder Dialektik seit Popper unterstellt – auch nur ein Hauch Obskurantismus anhaften würde.

Thomas Maul wird in seinem Vortrag Intention und strukturellen Aufbau sowie die zentralen Thesen seines kürzlich erschienenen Buches Darum negative Dialektik (XS-Verlag Berlin) im Kontext der Philosophiegeschichte und gegenwärtiger Debatten vorstellen.

Thomas Maul ist Autor der Zeitschrift Bahamas sowie der Bücher Die Macht der Mullahs und Sex, Djihad und Despotie (ça ira Verlag).

25.06.2014 Universität Jena, Hörsaal 9 // 19 Uhr

Vortrag am 17. Januar

Dezember 30, 2013

Verschenkte Gelegenheiten
Buchvorstellung und Diskussion mit Magnus Klaue

In einer Welt, in der kritische Theorie nicht nur, wie von Beginn an, mit gesellschaftlicher Ohnmacht geschlagen ist, sondern zum objektiven Anachronismus, zur nur noch lästigen Erinnerung an Unabgegoltenes wurde, ist sie zur Parodie ihrer selbst heruntergekommen: Sei es, daß man sie durch mehr oder minder redliche akademische Pflege als immer noch bessere Alternative im Angebot der Denkstile konserviert; sei es, daß man sie als Statthalterin einer obskuren intellektuellen Radikalität und Militanz mißversteht, die in Wahrheit nur als Obsession ihrer Verfechter existiert; sei es, daß man sie als Kampfplatz um die jeweils neuesten geistigen Bekenntnisse und Distinktionen in den Dienst nimmt. Nur mehr von marginalen Splittergruppen und aggressiv oder tiefsinnig herumräsonierenden Lesekreisen ernst genommen, verliert sie gerade dadurch ihren Ernst und droht objektiv kryptisch, zu einer besonders elaborierten Form von Obskurantismus zu werden, so daß man, wie Clemens Nachtmann jüngst bemerkte, versucht ist, von der Lektüre Adornos abzuraten, weil Einfalt gegenüber dem Gegenstand offener ist als solches falsche Verstehen. Durch ihre Popularisierung oder vermeintliche Aktualisierung ist dem so wenig abzuhelfen wie durch die immer beliebtere sprachliche Übung, die eigene Sprache durch Nachstellung des sich und frankophone Einsprengsel gerade dann bedeutungsschwer zu adornisieren, wenn man dem Gehalt von Adornos und Horkheimers Denken längst abgeschworen hat. Demgegenüber sollte daran erinnert werden, wie kritische Theorie ihren Anfang nahm: weder als sogenannte kritische Gesellschaftstheorie (die vielmehr ihre Schrumpfform ist) noch als Anweisung auf irgendeine Praxis, sondern als freie, das heißt der Sache nicht nur verpflichtete, sondern sich ihr vorbehaltlos hingebende Reflexion der Erfahrung von Wirklichkeit: in Horkheimers Dämmerung, Adornos Minima Moralia, Benjamins Einbahnstraße und Berliner Kindheit um 1900 und den Feuilletons Siegfried Kracauers, mit sogenannten unsystematischen, gerade darin aber auf Verbindlichkeit zielenden, in ihrer Subjektivität das bloß Subjektive überschreitenden Texten also, denen die Untrennbarkeit von Sprach- und Denkform stets gegenwärtig blieb.

Magnus Klaues Vortrag und sein in Kürze erscheinendes Buch Verschenkte Gelegenheiten (ça ira Verlag) versuchen diesen Zusammenhang zu vergegenwärtigen und auf den Einzelnen zurückzuwenden. Denn nur im Einzelnen und nicht in Gruppen, die durch Bekenntnisse und gegenseitige Verachtung zusammengehalten werden, bleibt die Hoffnung bewahrt, dass der Erkenntnisgehalt kritischer Theorie irgendwann doch begriffen wird.

Magnus Klaue ist freier Autor und schreibt u.a. für Bahamas und Jungle World.

17.01.2014 Universität Jena, Hörsaal 7 // 19 Uhr

Vortrag am 13. Juni

Mai 12, 2013

Adolf Hitler, der unmittelbar allgemeine Deutsche
Über die barbarische Dialektik der Souveränität

In Deutschland wird Hitler als Gegenstand der Geschichtswissenschaft verdrängt, als verlorene Utopie betrauert oder als Bildungserlebnis staatstragender Demokraten gefeiert. Aber gerade als der tobende Teppichbeißer und manische Charismatiker, als den die Historiker ihn dem staunenden Publikum vorführen, ist Hitler doch allererst Anlaß zur Staatskritik, zur Reflektion auf das barbarische Potential der kapitalen Souveränität, die den nazistischen „Antisemitismus der Vernunft“ entband. Der Begriff des Nationalsozialismus ist demnach, wie ihn auch der Materialist Johann Georg Elser praktisch zu fassen suchte, in der Perspektive zu entwickeln, daß Hitler als Erscheinung des allgemeinen Deutschen, als der Souverän, hinter den Staatsapparaten hervortrat und als Person unmittelbar alles, was deutsch ist, verkörperte. Darin konvergieren die materialistische Kritik der politischen Ökonomie und gewisse Einsichten der Psychiatrie, denn eine barbarische Gesellschaft kann nur von einem Funktionär repräsentiert und ausagiert werden, der seiner psychischen Konstitution zufolge nichts anderes ist als eben: die negative Aufhebung des Subjekts im Individuum selbst, d.h.: ein Barbar sondergleichen. Liest man „Mein Kampf“ nicht nur als die ultimative Offenbarung aller in Deutschland definitiv nur möglichen Staatsphilosophie, sondern, was gar kein Widerspruch ist, zugleich als das Dokument einer psychischen Krankheit (wie es der Emmendinger Psychiater Wolfgang Treher in seinem fulminanten Buch Hitler, Steiner, Schreber. Gäste aus einer anderen Welt gezeigt hat) und, genauer, als das Protokoll einer seelischen Katastrophe, die das Ich, das internalisierte Subjekt, zerstört hat, und in Schizophrenie eskaliert, wird deutlich, was sich die Deutschen von heute mit der billigen, rationalistischen Deutung Hitlers als eines strategisch-ausgebufften, leider aber größenwahnsinnigen Machiavelli so vom Halse schaffen wollen, daß sie es für immer als ihr ursprüngliches Eigentum behalten können.

Vortrag und Diskussion mit Joachim Bruhn (ISF Freiburg).

Joachim Bruhn ist Co-Autor u.a. von Das Konzept Materialismus.

13.06.2013 Universität Jena, Hörsaal 7 // 19 Uhr

Vortrag am 7. Juni

Mai 12, 2013

Links trifft rechts
Zur Entstehung der faschistischen Ideologie

Okkupieren Nazis linke Inhalte? Werden sie dadurch wirklich verfremdet und entstellt? Aber selbst wenn ja, warum gelingt das überhaupt? Was prädestiniert denn eigentlich vorgeblich genuin „fortschrittliche“ Themenfelder wie den „Befreiungskampf der Völker“, die „soziale Verantwortung des Staates“ oder die „Globalisierung der Heuschrecken-Multis“ zum Gebrauch durch Nazis?

Es ist einfach so, dass Linke und Faschisten schon seit jeher nicht nur dieselben ideologischen Felder beackern, sondern dass der organisierte Faschismus der Arbeiterbewegung selbst entsprang. Als soziale Bewegung konstituierte er sich in Italien inmitten der Sozialistischen Partei, genauer auf ihrem radikalen aktivistisch-etatistischen Flügel (also frühen Globalisierungsgegnern, wenn man so will): Mussolini beispielsweise war Chef der Parteizeitung „Avanti“. In den deutschen Nationalsozialismus wiederum gehen die staatssozialistischen und antiimperialistischen Vorstellungen der so genannten »Konservativen Revolution« mit ein, die ebenso in der KPD Widerhall fanden. Der Widerwillen der antisemitischen Esoteriker an der Spitze der NSDAP galt so nicht dem Sozialismus oder gar dem Antikapitalismus – den teilten sie von ganzem Herzen –, sondern dem Marxismus, der ihnen als liberal und zersetzend galt. Darin wiederum waren sie sich nur allzu einig mit der sozialdemokratischen Ideologie, die ihren autoritären Staatskultus schon im späten Kaiserreich nur aus historischen Gründen noch ab und an mit dem Namen Marx garniert hatte.

Vortrag & Diskussion mit Uli Krug

Uli Krug ist Redakteur der Zeitschrift Bahamas.

07.06.2013 Universität Jena, Hörsaal 7 // 19 Uhr

Vortrag am 17. April

März 25, 2013

Terror, Wahn, Gesellschaft
NSU, der Staat und die Verwandlung der Gesellschaft in ein Irrenhaus

Als sich im November 2011 herausstellte, dass Neonazis über mehrere Jahre hinweg Mordanschläge in der Bundesrepublik verübt hatten, war die deutsche Öffentlichkeit „betroffen, empört, fassungslos“. Nach dem Bekanntwerden der NSU-Morde wurde über alles Mögliche gesprochen: ein Wiedererstarken der Neonaziszene, eine „Braune Armee Fraktion“, inkompetente Behörden, eine rassistische Gesellschaft sowie rechte Seilschaften bei Verfassungsschutz und Polizei. Nur eines wollte oder konnte niemand thematisieren: die Frage, inwieweit sowohl die Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ als auch die Kombination aus Inkompetenz und Impertinenz auf Behördenseite Ausdruck einer an sich selbst irre gewordenen Gesellschaft sind.

Aus Anlass des Prozessbeginns gegen Beate Zschäpe soll im Rahmen des Vortrags mit einigen Thesen versucht werden, über die reine Faktensammlung und die hektische Betriebsamkeit von Politik und Medien – von der Einrichtung einer Generaldatei „Rechts“ bis zu Diskussionen über ein neues NPD-Verbotsverfahren – hinauszukommen. Denn allem Veränderungsgestus zum Trotz dient dieser Aktionismus letztlich nur einem Zweck: besinnungslos weiter hantieren zu können wie bisher.

Das zeigen nicht zuletzt die Reaktionen in Jena, der Stadt, die den „Nationalsozialistischen Untergrund“ hervorgebracht hat. Die „Henker Jenas“, die in der Debatte auf den Zusammenhang von ostdeutschen Zuständen und dem Terror des NSU verwiesen, bekamen es mit Beißreflexen derer zu tun, die den Standort Jena als das eigentliche Opfer einer Medienkampagne erkennen wollten und das Engagement der Zivilgesellschaft gegen Rechts verunglimpft sahen. Andere hingegen traten die Flucht nach vorn an. So wussten Bewegungslinke den Jahrestag der Aufdeckung des NSU routiniert zur Identitätsstiftung zu nutzen und riefen zu einer Demonstration auf, die sich unter Missachtung jeder empirischen Realität gegen einen angeblichen rassistischen Konsens der gesamtdeutschen Mehrheitsgesellschaft richtete, als deren bloße Avantgarde die Terrorbande agiert habe. Darüber hinaus gab es seitens der parlamentarischen Linken die Empfehlung an die Landesregierung, die Antifa als den kompetenteren Verfassungsschutz anzuerkennen. In Zeiten der faktischen Erosion des Staates ist das nur konsequent: Das gesellschaftliche Unwesen soll zunehmend selbstverwaltet reproduziert werden.

Vortrag & Diskussion mit Vertretern der AG Antifa im Studierendenrat der MLU Halle.

17.04.2013 Universität Jena, Hörsaal 6 // 19 Uhr

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