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Vortrag am 14. November

Oktober 16, 2012

Wir sind Legion
Zur negativen Aufhebung des Einzelnen im Kollektiv

Ganz gleich, ob die Menschenmasse phobischen Blicks als umstürzlerische Bewegung, die den Kommunismus zu erzwingen trachtet, wahrgenommen wird, als ein mögliches Resultat der Identifizierungen, die von den Trieben des Seelenlebens herrühren, oder als Entität, die sich die Menschen von den Tieren abguckten.
Einig sind sich alle Wissenschaftsbereiche, die je gegeneinander die bessere Deutung oder Analyse behaupteten, in einem wesentlichen Zug der Menschenmasse: Sie ist mächtig.
Dem Axiom des Aristoteles, dass „das Ganze mehr als die Summe seiner Teile“ ist, trägt die Menschenmasse dadurch Rechnung, dass die Überflüssigkeit des Einzelnen, die Ausdruck gesellschaftlicher Wirklichkeit ist, dem Schein nach aufgehoben ist. Evident wird dies vornehmlich an den „psychologischen Massen“ (Le Bon), die sich darin auszeichnen, dass sich alle unter einer Idee, gar Weltanschauung, zusammenfinden. Das persönliche Leben des Einzelnen einschließlich seiner „Berührungsfurcht“ (Elias Canetti) verschwindet und wird ersetzt durch seine Funktionalität für den Inhalt der Masse. Diese affirmative Unterwerfung unter die Ideologie des Kollektivs bringt dem Massenindividuum dessen Macht ein. Je größer die Masse ist, je sakraler jeder Einzelne ihrem Inhalt Tribut zollt und „bestenfalls“ sein Leben ganz in dessen Dienst stellt, umso stärker ist ihre Tendenz, via Gewalt ihr „Recht“ durchzusetzen. In der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft wurde diese Tendenz auf die Spitze getrieben, doch auch andere Formen der Vergemeinschaftung, wie die des Islams, sind hierbei beispielgebend. An ihnen ist ersichtlich, dass sich der Fetisch, von dem alle Angehörigen eingenommen sind, nur noch auf die Doppelmasse bezieht: Freund – Feind, Gläubige – Ungläubige. Dieser Unterscheidung ist die Dialektik von Allgemeinem und Besonderem, Tausch- und Gebrauchswert, immanent; sie bestätigt damit die Logik der Verwertung.
Selbst die heutigen Menschenmassen folgen diesem Prinzip, das den Einzelnen einzig auf seine Rolle bzw. Identität reduziert. Mit dieser fordern sie Werte ein, wie bspw. den der Menschlichkeit, die ihrer gesellschaftlichen Funktion als Subjekte, auf die sie sich ihrem „notwendig falschen Bewußtsein“ (Lukacs) nach positiv beziehen, entgegen stehen. Gerade als Masse verstellen sie sich den Blick auf dieses Paradoxon und spielen damit den objektiven Zuständen, gegen die sie sich empören, in die Hände. Wer sich als Teil der 99% versteht, hat die kritische Reflektion gegen Bilder eingetauscht, durch welche die Menschenmasse ihrem Wesen nach „denkt“.

Vortrag und Diskussion mit Simon Pohl

14.11.2012 Universität Jena, Hörsaal 8 // 19 Uhr

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