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Vortrag am 20. Juni

Juni 4, 2012

Vernichtungsgewinnler und Literaturverweser
Das Racket in Zeiten seiner kulturbetrieblichen Reproduktion

Weil die postnazistische Gesellschaft im Gegensatz zur bürgerlichen, deren Ehre darin bestand, in schöner Regelmäßigkeit Werke hervorgebracht zu haben, die über sie hinauswiesen, sich kraft ihres eigenen Bewegungsgesetzes keinen unreglementierten Gedanken, keine nicht konfektionierte Form mehr gestattet, ist von Literatur und Kunst nichts mehr zu befürchten. Die als Betrieb etatistisch organisierte Kultur kann sich nichts mehr anverwandeln, was ihr nicht ohnehin bis aufs Haar gliche. Was sie nicht verstehen kann, muss sie verschmähen, um es endlich zu vernichten. Wirkungsvoller als jedes Verbot hat die Verwaltung der Kultur durch den Betrieb ihren Bedeutungsverlust gewährleistet.

Dem empörten Aufschrei, Kultur sei keine Ware, ist zu entgegnen, dass sie, lizenziert vom hiesigen Kulturbetrieb, nicht einmal das ist. Denn eine Ware muss sich auf dem Markt bewähren, wovon bei den Elaboraten deutscher Kulturproduktion kaum die Rede sein kann. Statt auf die Gunst des zahlungskräftigen Publikums zu setzen und sich den Untiefen des Marktes auszusetzen, wird den Kulturschaffenden ihr Anteil an der staatlich bereitgestellten Beute in Form von Preisgeldern und Stipendien zugeteilt. Das anonyme Tribunal des Marktes, dessen Urteile ohne Ansehen der Person ergehen, wird im Betrieb ersetzt durch blanken Klientelismus. Dieser Triumph des Betriebs über den Markt protegiert Antisemiten vom Schlage Martin Walsers samt talentlosem Nachwuchs in Gestalt seiner drei schriftstellernden Töchter. Dass ein solcher, auf der Basis von Klientelismus und Patronage statt von abstrakter Vergleichung organisierter Betrieb ebenjenen Zusammenhang zwischen Talentlosigkeit und Antisemitismus stiftet, der Literatur in den Zustand der Verwesung überführt und an Walsers literarischem Schaffen beispielhaft studieren lässt, ist historisch nur folgerichtig, denn die Gewinner der Entfesselung des liberalen Marktes im 19. Jahrhundert waren tatsächlich genau jene, die Max Horkheimer als „the competitors par excellence“ beschrieben hat, die Juden. Deren Emanzipation beruhte auf dem Tauschprinzip, durch das die Einzelnen zu konstituierenden Elementen des Allgemeinen wurden. Erst die Durchsetzung des kapitalistischen Marktes forcierte die Loslösung des Individuums von Scholle und Sippe. Erst auf dem Markt standen sich die Menschen zumindest idealiter ohne Ansehen ihrer Herkunft als formal Gleiche gegenüber. Der Abstraktion des Gegenstandes zur Ware verdankt sich die abstrakte Vorstellung vom Menschen ebenso wie der Begriff des allgemeinen Rechts.

In der Walsersippe dagegen erkennt sich ein Literaturbetrieb wieder, der wie ein Racket, ein Clan, eine Bande organisiert ist und dessen Idealtypus die Familienbande ist. Gerade darin ist die Sippe der Walsers exemplarisch für den deutschen Kulturbetrieb, dass sie das Bild der Familie nach ihrem realen Zerfall restituiert, wie es sich im Zeitalter der Patchwork-Familie kaum noch empirisch studieren lässt: als kulturpolitische Zuchtstätte, als straff geführter Brutbetrieb am Bodensee, dessen Mitglieder nicht als Einzelne betrachtet werden, sondern als Zwangsmitglieder eines Kulturclans, der auf dem Prinzip des Blutes gegründet wurde und dessen Mitglieder bestimmt scheinen, in die Fußstapfen des Altvorderen als dessen literarische Wurmfortsätze zu treten.

Vortrag und Diskussion mit Carl Wiemer

Carl Wiemer ist fleischgewordener Alptraum von Großschriftsteller Martin Walser, dessen Töchtern und Fans. Er publiziert u.a. in der Bahamas und Jungle World und ist Autor der Bücher „Krankheit und Kriminalität. Die Medizinkritik der kritischen Theorie“ (Freiburg 2001) sowie „Der Literaturverweser. Ein Stück über Vernichtungsgewinnler“ (Berlin 2010).

30.05.2012 Universität Jena, Hörsaal 8 // 19 Uhr

 Veranstaltet in Kooperation mit den Falken Thüringen.

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